Einheit.
Viele Menschen haben im Laufe der Geschichte davon gesprochen.
Die Vorstellung, dass dem Ganzen eine grundlegende Einheit zugrunde liegt.
Dass es eine Verbundenheit gibt, die alle Unterschiede übersteigt. Die Individualität, die sich angesichts unserer Zusammengehörigkeit verneigt.
Eine Blase im Ozean, die sich der überwältigenden Wirklichkeit des Ozeans selbst ergibt.
Hättest du mir im Sommer 1996 gesagt, du glaubst an eine Kraft, die uns verbindet, hätte ich dich angelächelt, genickt und insgeheim gedacht, du seist ein bisschen verrückt.
Zu jener Zeit war ich so weit von Ideen der Einheit und Verbundenheit entfernt wie nur irgend möglich.
Warum war ich so skeptisch?
Weil ich mich damals dafür entschieden hatte, fast jeden menschlichen Kontakt zu meiden.
Ich lebte in Lissabon, Portugal. Vielleicht kannte ich ein oder zwei Menschen im ganzen Land.
Es gab kein Internet, das mich mit ‚meinen Leuten‘ verbunden hätte. Kein Social Media.
Ich hatte nicht einmal ein Telefon. Das nächste öffentliche Telefon war eine halbe Stadt entfernt.
Ich arbeitete nur etwa fünf Stunden pro Woche, als Englischlehrer. Gerade genug, um die bescheidenen Rechnungen zu bezahlen.
Die Stunden und Tage verbrachte ich allein; ohne Gesellschaft, ohne Gespräche, ohne Verbindung — und schon gar keine Einheit.
Wenn ich doch mit Menschen in Berührung kam, geschah das mit Unbeholfenheit.
Ich erlebte Menschen wie ein Außerirdischer die Erdlinge erleben würde.
Auch ich hatte das Gefühl, der Masse als Außerirdischer zu erscheinen.
Selten traf ich jemanden, der mich wirklich verstand. Das Verständnis anderer blieb fast immer hinter dem zurück, was ich selbst als wahr über mich wusste.
Der Hauptgrund für meine Isolation war, dass ich an etwas Innerem arbeitete, das ungeheure Mengen an Einsamkeit erforderte.
Der andere Grund war, dass ich nicht wusste, wie ich mit Menschen kommunizieren sollte; wie ich mich ihnen erklären sollte.
Und wenn ich zuhörte, hörte ich mehr, als sie ausdrücken wollten. Und Gruppenerleben? Gemeinschaftserfahrung? Vergiss es!
Ich war ziemlich sicher, dass es keine Gruppe auf der Welt gab, die die phantastisch intensive und weitreichende Wirklichkeit, die ich täglich erlebte, wirklich umfassen könnte.
Darüber hinaus schützte ich meine Individualität sehr.
Ich war ziemlich überzeugt, dass jeder, der mir gegenüber von uns als Teil derselben Gruppe sprach, dies tat, um mich zu
manipulieren.
Um mich zu einem Teil ’seiner‘ Vorstellung von Zusammengehörigkeit zu machen, sei es Beziehung, Familie — und ganz besonders Land und Religion.
Bis 1996 lebte ich nach dem Grundsatz, den Jiddu Krishnamurti am besten formuliert hat:
Wenn du dich Inder oder Muslim oder Christ oder Europäer nennst oder sonst etwas, dann bist du gewalttätig. Siehst du, warum es gewalttätig ist? Weil du dich vom Rest der Menschheit trennst. Wenn du dich durch Glauben, durch Nationalität, durch Tradition trennst, entsteht Gewalt. Also gehört ein Mensch, der versucht, Gewalt zu verstehen, keinem Land, keiner Religion, keiner politischen Partei oder keinem Teilsystem an; er beschäftigt sich mit dem vollständigen Verständnis der Menschheit.
Ich wollte keinen Teil jener Art von Einheit, die auf Glauben oder gemeinsamer Identität beruhte.
Und das war mein Verständnis von Einheit. Wie wenig ich verstand.
Alles sollte sich auf dramatischste Weise verändern — an dem Tag, als ich einen Mann namens Leonard traf.
Über den Tag, an dem ich Leonard traf
Ich traf Leonard zum ersten Mal an einem Sonntagnachmittag im Juli 1996. Wir begegneten uns an einer U-Bahn-Station in San Francisco.
Die Stunden, bevor ich diese U-Bahn-Station betrat, waren einige der schlimmsten meines Lebens.
Ich hatte meine Ex-Freundin, die Liebe meines Lebens, auf dem Boden vor einer Toilettenschüssel gesehen — in einem Kampf mit ihrem Freund.
Die beiden stritten sich um eine Spritze Heroin.
Ich war aus Europa zu Besuch in San Francisco. Seit zwei Jahren hatte ich die beiden nicht mehr gesehen.
In dieser Zeit waren sie vom Alkoholtrinken und Marihuanarauchen weitergegangen und waren nun heroinabhängig.
Beide waren skelettdünn und ihre Körper zuckten. Es war herzzerreißend.
Verschwunden war der lebhafte Glanz der Neugier in ihren Augen. Der alte ruhige süsse Blick war ersetzt worden durch das ängstliche Hin-und-her-Wandern der Augen — links-rechts, links-rechts, links-rechts — eines Junkies auf der Suche nach dem nächsten Schuss. Und ihr Freund war nicht besser.
Als ich ihn zuletzt gesehen hatte, war er ein selbstbewusster junger Dichter. Jetzt sah er aus wie ein Zombie.
Der Moment im Badezimmer, der Kampf um das Heroin, erreichte seinen Höhepunkt. Sie hatte die Spritze an sich gerissen.
Sie versuchte angeblich, ihn zu retten, indem sie ihm die Spritze wegnahm.
Ich glaube, in ihrem Herzen wollte sie ihn wirklich retten. Mit der Spritze in der Hand schaute sie mich an. Zunächst wusste ich nicht, was ich sagen oder tun sollte.
Ich wusste kaum etwas über Heroin. Ich wusste nur, dass ich grosse Angst davor hatte.
Ich hatte zu viele halbtote Junkies gesehen, die auf den Bürgersteigen der Städte lagen, durch die ich gegangen war.
Das war alles, was ich wissen musste. Aber hier ist noch etwas, das ich wusste.
Ich wusste, dass ich sie liebte. Ich konnte ihr nicht einfach gleichgültig zusehen.
Ich sagte ihr, sie solle es in die Toilette schütten und damit Schluss machen.
Ich sagte ihr, das sei ihre Chance — und sie könne es tun.
Tu es JETZT!
Sie schien zuzustimmen und bewegte ihre Hand zur Toilette.
Dann war die Spritze über der Toilette. Es war der Moment der Entscheidung.
Sie zauderte. Sie schüttelte den Kopf: ‚Nein‘.
Sie wandte sich ihrem Freund zu, sie sahen sich an und begannen sich zu küssen.
Ich spürte, wie mir das Herz in die Hose sank.
Ich ging nach draussen, setzte mich vor ihr Haus, rauchte eine Zigarette und dachte nach.
Ich sass dort auf ihrer Veranda mit einer unbeschreiblichen Traurigkeit.
Fünfzehn Minuten später kamen sie nach draussen.
Ihre benommenen Gesichtsausdrücke machten deutlich, dass sie eine Lösung gefunden hatten.
Ich war vor Kummer gelähmt.
Ich fand nicht die Kraft, wegzugehen.
Das Beste, was ich tun konnte, war, einen gemeinsamen Freund anzurufen und ihn zu bitten, zu kommen.
Er würde mich retten, dachte ich.
Er kam, und wir vier beschlossen, mexikanisch essen zu gehen.
Im Restaurant machte meine Ex-Freundin eine hässliche Szene und wir wurden gebeten zu gehen.
Ich fasste den Mut zu verschwinden.
Ich verabschiedete mich, als wir aus dem Restaurant gingen.
Ich ging zur U-Bahn, wo ich einen Zug zum Haus meiner Schwester in Berkeley nehmen konnte.
Ich spürte eine Erleichterung, gemischt mit Welle um Welle von Traurigkeit.
Als ich die U-Bahn-Station erreichte, hatte ich etwas Kraft zurückgewonnen.
Ich ging die Treppe hinunter und sah gerade noch, wie ein Zug die Station verliess.
Es würden fünfzehn Minuten bis zum nächsten Zug vergehen. Ich schaute mich um.
Die Station war leer.
Dann bemerkte ich einen Mann, der auf der gegenüberliegenden Seite des Bahnsteigs sass.
Er sass auf einem grossen Betonblock, im Schneidersitz, mit dem Rücken zu mir, etwa fünfzig Meter von mir entfernt.
Als ich diesen Mann sah, veränderte sich mein ganzes Gefühl.
Sofort ging ich geradewegs auf diesen seltsamen sitzenden Mann zu, als hätten wir einen zuvor vereinbarten Termin.
Als ich bei ihm ankam, kletterte ich auf die Betonplatte und setzte mich ohne Zögern oder auch nur einen einzigen Gedanken gegenüber von ihm.
Wir sagten kein Hallo. Wir lächelten nicht einmal. Nichts. Wir schauten uns nur in die Augen.
Kein Hallo, keine Worte überhaupt. Nur schauen.
Er hatte eine ungewöhnlich gute Haltung und roch nach Lagerfeuer.
Auf seinem Gesicht war Schmutz — oder Lagerfeuerruß. Seine braunen Augen waren weich und ruhig. Friedvoll. Nach einer Weile lächelte er mich sanft an.
Wir schauten uns weiter lange und lange an.
Die schrecklichen, traurigen, hoffnungslosen Bilder des Tages zogen an meinem inneren Auge vorbei.
Ich konnte die vorangegangenen Erlebnisse nicht mit der Freude in Einklang bringen, die in mir wuchs, während ich mich mit diesem seltsamen Mann verband.
Um die Ungereimtheit aufzulösen, sagte ich: ‚Mann, ich wünschte, ich wäre da, wo du bist.‘
Er antwortete sofort und schlicht, mit einer süssen, hohen Stimme: ‚Ich sehe nichts Falsches an dir.‘
Wir versanken wieder in unser stilles Verbundensein. Dann geschah auf einmal etwas.
Dieses seltsame, aber angenehme Gefühl kam über mich. Ich konnte plötzlich spüren — mangels besserer Worte — eine Art Energiekörper etwa fünf Zentimeter vor meinem Körper.
Es war, als ob mein Körper in einer Blase wäre und ich plötzlich bemerkte, dass ich die ganze Blase war, nicht nur der Körper.
Er hatte auch eine Blase, genau wie meine.
So sassen wir da — zwei Körper, umgeben von zwei Blasen aus Licht und Energie.
(Ich weiss, das klingt verrückt, aber es ist passiert.) Dann geschah noch etwas.
Auf einmal öffnete sich in jeder unserer Blasen etwas wie ein Fenster, vor der Mitte unserer Brust.
Dann, in einem Blitz, war ich nicht mehr Alan. Ich war reines Gewahrsein.
Ich war das Gewahrsein sowohl meiner selbst und meines Körpers als auch des Körpers, der mir gegenübersass.
Ich war er genauso wie ich ich war. Er war ich genauso wie er er war.
Das Problem dabei, dass du verstehst, was ich zu beschreiben versuche, ist, dass Worte nicht ausreichen.
Es muss erlebt werden.
Hier ist mein bester Versuch. Auf einmal war es klar, dass ich nicht nur dieses Individuum mit einem Körper namens Alan war. Ich war mehr als das.
Die Wahrheit war plötzlich und absolut klar.
Ich war nicht nur ein individueller Alan, sondern das Gewahrsein, das alle Wesen teilen — einschliesslich des Mannes, der direkt vor mir sass.
Das Seltsame war, dass daran überhaupt nichts Seltsames war!
Es war offensichtlich.
Es war so offensichtlich wie oben oben und unten unten ist.
Es war, als ob wir das tief in uns immer gewusst hätten. Ja, so ist es. Wir wissen das immer!
Jetzt weinten wir beide.
Verschwunden war die schreckliche Traurigkeit des Tages.
Verschwunden war jedes Gefühl von Machtlosigkeit.
Am schönsten: Verschwunden war eine urmenschliche Angst, die jeder Mensch, der sich als getrennt erlebt, mit sich trägt.
Es ist eine Angst vor anderen. Eine Angst vor dem Tod. Eine Angst vor dem Unbekannten. Eine Angst vor Veränderung.
Ich hatte nicht einmal gewusst, dass diese Angst existierte, bis sie weg war — sie war ALLES, WAS ICH KANNTE.
Diese Angst zu erkennen hätte, vor jenem Moment, bedeutet, einen Fisch zu fragen, das Wasser zu erkennen. Sie war wie die Luft, die ich atmete. Immer gegenwärtig und daher unbemerkt, bis sie abwesend war. Ich erkannte sie nur durch ihre Abwesenheit. Und ihre Abwesenheit fühlte sich gut an!
Es war wie das, was Leonard Cohen schrieb:
Wenn du nicht zum Ozean wirst, wirst du jeden Tag seekrank sein»
Auszug aus «Good Advice For Someone Like Me.
In jenem Moment war ich zum ersten Mal vielleicht nicht mehr seekrank.
In jenem Moment kam der Zug.
Wir griffen nach den Händen des anderen und stiegen in den Zug.
Dann wurde alles noch viel seltsamer.
Als wir den Zug betraten, war klar, dass wir alle waren!
In diesem Waggon waren vielleicht fünfzig Menschen, und jeder wusste, dass ich er war.
Es war, als ob ich mit mir selbst ein Spiel des So-tun-als-ob spielte.
Aber alle Körper konnten die Tarnung nicht ganz aufrechterhalten, und alle begannen zu kichern.
Das war urkomisch.
Jeder tat sein eigenes individuelles Ding — vielleicht Musik mit Kopfhörern hören, oder ein Buch oder eine Zeitung lesen, oder aus dem Fenster starren, ein Gespräch führen.
Und ihre Körper begannen vor einer Freude zu zittern, die sie nicht ganz anerkennen wollten.
Wir alle kannten das Geheimnis, aber irgendwie schafften wir es, uns selbst darum zu bringen, es zu wissen.
Also — weiter mit der Illusion. Ich wurde wieder Alan.
Ich fragte nach seinem Namen. Es war Leonard.
Was er im Leben machte? Er war Computerprogrammierer und Vater eines dreizehnjährigen Sohnes.
Er machte sich Sorgen um die Leidenschaft seines Sohnes für Baseball. Wir lachten beide herzlich darüber.
Seine nackten Füsse waren kalt, also gab ich ihm meine Socken.
Dann kam meine Haltestelle. Ich stieg an der Berkeley Station aus, aber er fuhr bis zur Richmond Station weiter.
Wir winkten uns zum Abschied.
Das war das letzte Mal, dass ich Leonard sah.
Epilog
Es sind jetzt fast dreissig Jahre seit meiner Begegnung mit Leonard vergangen. In den ersten zwanzig Jahren oder so versuchte ich, die Erfahrung der Einheit wiederherzustellen. Es gab Momente, kurze Aufblitzungen davon, aber meistens ist meine Individualität fest verankert, und ich sehe die Welt mehr oder weniger als eine Person, ein individuelles Ich.
Dennoch hat die Erfahrung meine Sicht auf das ganze menschliche Drama verändert. Ich verstand, dass jeder Mensch ein weiterer Ausdruck von mir war, und ich begann, Menschen mit mehr
Mitgefühl zu behandeln. Ausserdem wurde ich mit der Zeit weniger unbeholfen und mehr nachvollziehbar… ich hoffe. 🙂
Irgendwann hörte ich auf, die Erfahrung wiederherstellen zu wollen. Ich verlor das Interesse. Ich verstehe irgendwie, dass das Wissen um ihr Wesen, um ihre Wahrheit, für dieses Leben mehr als genug ist. Jetzt bin ich mehr damit beschäftigt, weise zu lieben, was auch immer auftaucht — ohne Ambitionen auf besondere Erfahrungen. Ich bin einfach, wer ich bin, ohne das Bedürfnis nach spirituellen Feuerwerken.